RETHYMNON

Vergehen und Werden - Ein Entwurf für die Zukunft

von Margaretha Rebecca Hopfner

Was soll ich denn noch sagen und schreiben über Rethymnon, nachdem ich „Die Chronik einer Stadt“ von Pandelis Prevelakis, diesem grossen Sohn Rethymnons, gelesen habe und erkennen mußte, in welch erhabener Schönheit und Reinheit sein „Weihegeschenk“ an seine Heimatstadt erstrahlt und tatsächlich unberührt geblieben ist vom Nagen und Schaben der Vergänglichkeit, die ja bekanntlich vor nichts und niemandem Respekt hat und keine noch so grosse menschliche Bemühung um Aufhebung der eigenen Hinfälligkeit verschont. Prevelakis Chronik trägt den Keim des „Unzerstörbaren“, des „Unverwelklichen“ – wie er es sich gewünscht hat – in sich, denn sie besteht gerade in der Fähigkeit seines Wortes zu stetiger Erneuerung, verwandelt sich sein Gesagtes für jede künftige Generation in jene Botschaften, die den Geist zu befruchten und damit neues Leben zu zeugen vermögen ...

So bleibt mir nicht mehr zu tun, als ein paar – im Vergleich - unscheinbare persönliche Eindrücke wiederzugeben, die ich anläßlich meiner regelmäßigen Aufenthalte in Rethymnon in mich aufnahm. Diese waren allerdings dazu angetan, mich jedes Mal, wenn ich auf Kreta weile, wieder aufzufordern, dieser Stadt einen Besuch abzustatten, ihre Fortezza zu ersteigen, nach tiefen Atemzügen und einem weitausholenden Blick über Meer, Hafen und Häuserflut ruhig hinabzugleiten und einzutauchen in die engen Gassen der Altstadt, mich ein wenig mittreiben zu lassen vom Menschenstrom, um dann meine Gedanken wieder zu sammeln in den ruhigeren Gassen, abseits der belebten Straßen ...

Rethymnons Antlitz birgt viele Gesichter, sein mimisches Spiel spiegelt die wechselvolle Geschichte der Stadt in all ihren Facetten, Gegensätzen und staunenswerten kulturellen Errungenschaften. Der Blick in die historische Tiefe reicht bis in minoische Zeiten, ja weiter noch, bis in die Steinzeit zurück, um bei seinem Weg zurück in die Gegenwart alle wichtigen Epochen kretischer Geschichte zu streifen. Östlich des heutigen Festungshügels erzählen Funde von einer minoischen Siedlung, und in der Antike war Rhithymna ein autonomer Stadtstaat mit eigener Münzprägung. Während der römischen Epoche verlor der Ort an Bedeutung, blieb allerdings bis in das 9. und 10. Jahrhundert hinein kontinuierlich bewohnt. Lediglich für die Zeit der mittelbyzanthinischen Epoche finden sich keine eindeutig klassifizierbaren Informationen zur Geschichte der Stadt. Die Venzianer, welche ab dem 13. Jahrundert Kreta beherrschten, machten Rethymnon zur Hauptstadt eines ihrer vier Verwaltungsbezirke. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrunderts errichteten die venezianischen Herrscher wegen zunehmender Piraterie auf dem Hügel, wo einst die antike Akropolis situiert war, zu ihrem Schutz eine großangelegte Befestigungsanlage, die Fortezza, wie sie heute immer noch genannt wird. Im 17. Jahrhundert eroberten dann die Türken die Stadt, prägten mehr als zweihundert Jahre deren äußeres Erscheinungsbild und gestalteten ihre Geschicke. Allerdings war gerade Rethymnon immer wieder Ausgangspunkt von Aufständen der griechichen Kreter gegen die von ihnen so empfundene türkische Tyrannei. Ende des 19. Jahrhunderts war das jahrhundertelang ersehnte Ziel der Befreiung endlich erreicht, unter anderem um den Preis eines unter der Federführung des aus Kreta stammenden griechischen Staatsmannes Eleftherios Venizelos in Lausanne ausverhandelten großangelegten und Anfang des 20. Jahrhunderts realisierten Bevölkerungsaustausches, der die türkischen Kreter zurückschickte nach Kleinasien und von dort Griechen unter anderem in Kreta und somit auch in Rethymnon ansiedelte. Die individuellen Dimensionen dieses Heimatverlustes vieler Menschen, die Trauer um das Zerreissen menschlicher Bande über kulturelle Unterschiede hinweg vergegenwärtigt Pandelis Prevelakis in seiner Chronik, und dies empfinde ich als eine der ganz besonderen Leistungen seines Werks.

Beim Besuch im archäologischen Museum, das in der Fortezza Unterkunft gefunden hat, etwa begegnen wir der gesamten Antike: Wunderschöne minoische Sarkopharge sind neben anderen Artefakten aus Kretas alter Hochkultur, der ältesten Europas, ebenso zu bestaunen, wie lebensgrosse Skulpturen - diejenige der Aphrodite aus Lappa beispielsweise -, sowie Kunst- und Gebrauchsgegenstände aus klassisch griechischer, hellenistischer und griechisch- römischer Zeit bis herauf in die byzanthinische und venezianische Epoche. Erwähnenswert ist ebenfalls die umfangreiche Münzsammlung, welche auch Exemplare nichtkretischer Poleis wie beispielsweise Athen, Korinth, Argos und Rhodos sowie römische, byzanthinische und arabische Münzen enthält. Aufgefunden wurde dies alles im räumlichen Areal, welches heute zum Verwaltungsbezirk, dem Nomós Rethymnon, einem der vier Veraltungsbezirke des Kreta der Gegenwart, gehört.

In der Architektur Rethymnons treten neben anderen venezianische Züge ebenso hervor, wie jene der türkischen Besatzungszeit, heute wuchert eine gesichtslose Betonbauweise, der jegliche Phantasie für das Schöne abhanden gekommen zu sein scheint. Aber gerade die Mischung aus all dem, die noch dazu eingetaucht ist in das Flair aus wehmütiger Besinnung auf Vergangenes und lebensfroher, mutiger Zukunftsorientierung, läßt die Gesichter der Stadt am kretischen Meer in besonderem intellektuellen Reiz aufleuchten. Altes lebt in seinem Verfall fort, in den zahllosen wunderschönen Portalen der venezianischen Patrizierhäuser etwa, dem beinah kreisrunden venezianischen Hafen und in den Fragmenten ehemaliger großangelegter Baudenkmäler wie zum Beispiel dem venezianischen Rimondibrunnen; ebenso lebt es fort in den charakteristischen Holzbalkonen aus der türkischen Zeit, auf denen häusliches Leben und öffentliches in den engen Gassen sich grüßen und vermengen, wie auch in Minaretten, die weithin zu sehen sind, und in architektonischen Restbeständen ehemaliger Moscheen, die in heimlichen Nischen vor sich hinträumen ... Und über all dem ragt die weithin sichtbare Fortezza in den Himmel, das Kastell, welches Rethymnon an seine große historische Bedeutung erinnert.

Was mich erstaunt, ist die Tatsache, dass die Rethymioten einige Kulturdenkmäler aus türkischer Zeit bewußt bestehen ließen und somit dokumentieren, dass auch diese zu ihrem – von vielen wohl als schmerzhaft empfundenen - historischen Erbe zählen, das ja auch davon berichtet und Zeugnis ablegt, dass hier jahrhundertelang Menschen türkischer Abstammung, türkische Kreter, wie sie sich nannten, Familien, Geschäftsleute, Männer, Frauen und Kinder islamischer Religion, Fischer, Tagelöhner und Verwaltungsbeamte lebten, ihren Lebensunterhalt erwirtschafteten und vielfach sich bemühten, so gut es eben ging, ihr Leben in Frieden zu leben. Gerade von diesen Menschen hat uns Pandelis Prevelakis auch erzählt ... Korrespondiert also diese auffallende geistige Toleranz Rethymnons möglicherweise auch mit seinem Anspruch, nach wie vor geistiges Zentrum Kretas zu sein, zumal auch gerade hier die geisteswissenschaftliche Fakultät der Universität Kreta ihren Sitz eingenommen hat. Erweist Rethymnon damit nicht Pandelis Prevelakis und seinen anderen bedeutenden Söhnen und Töchtern eine besondere Ehre, ja adelt diese Geistehaltung Rethymnon nicht geradezu?

An Größe, Verfall und Neubeginn, Werden, Vergehen und Wiedergeburt – sowohl Grundgesetz alles Lebendigen wie auch Grundtatsachen allen menschlichen Strebens - wird der aufmerksame Besucher in dieser Stadt vielerorts erinnert. Pandelis Prevelakis hat wie kein anderer Rethymnons Hingabe an die eigene Zeitlichkeit beschrieben: „ Die Stadt hatte sich daran gewöhnt, ihr Schicksal geduldig und mit standhafter Seele zu betrachten. Das, was der Weise am Ende seines Lebens erreicht: dem Tod in die Augen zu sehen und ihm zuzulächeln, diese schwierige Leistung vollbrachte auch die Stadt, deren alte Herrlichkeit vergangen war. Ihre Knie versagten nicht vor Entsetzen, sondern ihre Lippen begannen dem unerbittlichen Schicksal zuzulächeln. Täglich begrub sie sich selbst, eines nach dem anderen ihrer Kinder brachte sie dorthin und übergab sie dem Boden, in der Hoffnung, so spürt man, ihnen wieder zu begegnen an einem Ort des Lichts und in der Fülle der Freude. Sie hatte keinen Vorwurf auf den Lippen, sie hielt es für unter ihrer Würde, sich vergebens an die Brust zu schlagen. Sie lächelte nur bitter der Zeit zu, betrug sich mit Würde selbst in ihren Träumen und hielt sich bereit, von allem Abschied zu nehmen.“

Folgenden Werken habe ich wichtige Hinweise für diesen Text entnommen:
Prevelakis, Pandelis: Die Chronik einer Stadt. 1. Aufl. F.a.M. 1981. Nachdruck in Heraklion.
Vassilakis, Antonis: Kreta. Geographie – Geschichte – Museen – Archäologische Stätten und Monumente. Athen. o.J.
Fohrer, Eberhard: Kreta. Michael Müller Verlag. Erlangen. 2003.
Rethymnon. Die Seele Kretas. Text von Stela Kalogeraki. Mediterraneo Editions. o.O. o.J.

M.R. Hopfner, Wien, ©2001-2004, Alle Rechte vorbehalten.

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